Spaziergang durch Targówek
Obwohl ein großer Teil des Stadtbezirks, der auf dem Gebiet der ehemaligen Dörfer Targowe Małe und Bródno liegt, heute von großen Plattenbausiedlungen aus den 1960er und 1970er Jahren bedeckt ist, gibt es hier viel Sehenswertes. Erwähnenswert sind die Überreste einer Burganlage aus dem 10. Jahrhundert – der ältesten Siedlung im heutigen Stadtgebiet–, zwei historische Friedhöfe, das älteste Grabmal Warschaus und mehrere gut erhaltene Denkmäler der Holzarchitektur. In Erinnerung bleibt ganz sicher auch ein Spaziergang durch den Skulpturenpark und … ein Besuch auf einem Bauernhof auf dem Gelände eines ehemaligen Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs.
Der Stadtteil spielte auch in der berühmten Fernsehserie „Alternatywy 4” von Stanisław Bareja eine Rolle. An einen der Haupthelden der Serie – Józef Balcerek – erinnert ein Mural.
Die Burg von Bródno
Schon gewusst, dass sich im Bródnowski-Wald die älteste bekannte Siedlung innerhalb der heutigen Stadtgrenzen von Warschau befand? Daran erinnert ein ovaler, mit üppiger Waldvegetation bewachsener Wall, um den herum ein Holzsteg verläuft. Im 10. und 11. Jahrhundert befand sich an dieser Stelle ein acht Meter starker und sechs Meter hoher Erdwall, der eine Wehrburg bildete. Sie lag auf einer Düne, die auf drei Seiten von Sumpfland umgeben war. Bei Gefahr suchten die Bewohner der aus mehreren Dutzend Hütten bestehenden Siedlung in der Burg Schutz. Über das Leben, die Kleidung und die Verrichtungen der Vorfahren der heutigen Warschauer geben Informationstafeln Auskunft. In jene Zeit zurückversetzen kann man sich auf dem Archäologischen Picknick, das hier jedes Jahr im Juni im Rahmen der Europäischen Tage der Archäologie stattfindet. Im Angebot sind dann Inszenierungen mit mittelalterlichen Kriegern, Vorführungen alter Handwerkskünste sowie virtuelle Begehungen der einstigen Burg.
An die erste Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Warschaus erinnern eine Inschrift auf einem Findling am Waldrand und ein wenige hundert Meter weiter gelegenes Denkmal. Darauf steht geschrieben: „Hier begann Warschau“.
Der zweite Teil des Denkmals besteht aus einem Mauerfragment mit einem Anker und einer Informationstafel über den Bródnowski-Kanal. Angelegt wurde dieser teilweise im Flussbett der nahegelegenen Brodnia, die nach Regenfällen oft über die Ufer trat und so um Bródno herum ausgedehnte Sümpfe bildete.
Grabmal von Michał Waremberger
Unweit des Bródnowski-Waldes steht an der Malborska-Straße eine fast drei Meter hohe Steinsäule mit einem Kreuz an der Spitze. Es handelt sich um ein Grabdenkmal für die Opfer der Pestepidemie, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts über Warschau hereinbrach. Einst stand es mitten auf einem Pestfriedhof, weit außerhalb der Stadtgrenzen. Errichtet wurde es für Michał Waremberger und seine Kinder, und zwar von seiner Ehefrau. Es gilt als das älteste freistehende Grabmal Warschaus. Im Laufe der Jahrhunderte war die Inschrift auf der Säule so stark abgenutzt, dass die Anwohner das Grabmal eine Zeit lang für eine gewöhnliche Wegkapelle hielten. Erst die Denkmalpfleger machten die ursprüngliche Inschrift wieder lesbar. Darin werden die Vorübergehenden zum Gebet aufgefordert. Heute ist das Grabmal von hohen Bäumen umgeben, so dass man es im Sommer leicht übersehen kann. Es lädt ein zum Innehalten und zum Nachdenken über das Leben der Menschen in einer Zeit, in der Seuchen immer wieder zu Schicksalsschlägen für ganze Städte wurden.
Vorwerk Bródno
Ein hervorragender Tipp für alle, die Sehnsucht nach dem Landleben verspüren. Das Vorwerk Bródno ist ein kleiner Lehrbauernhof, umgeben von Plattenbausiedlungen. Es befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (PGR). Die Besucher erleben hier hautnahen Kontakt mit Nutztieren, u. a. mit Zierhühnern, Kühen, Eseln, Ziegen, Schafen und Kaninchen. Im Eintrittspreis enthalten ist ein Becher mit Gemüse, mit dem man sich im Handumdrehen die Sympathie der Tiere sichern kann. Infotafeln vermitteln zusätzliche Kenntnisse zu den Tieren. Auf dem Gutshof befinden sich auch kleine Felder, auf denen der Anbau verschiedener Nutzpflanzen pädagogisch vermittelt wird. Es gibt eine Ausstellung von Landmaschinen mit dem einst berühmten Mähdrescher „Bizon“. Parks und Freizeitflächen, ein Reitzentrum sowie ein Gartengeschäft ergänzen das Angebot. Für alle, die eine Auszeit vom Großstadttrubel brauchen, ist dieser Gutshof ein lohnendes Ziel.
Skulpturen im Bródnowski-Park
Eine einzigartige Freiluftgalerie für zeitgenössische Kunst inmitten eines großstädtischen Parks. Partner dieses Gemeinschaftsprojekts sind: das Stadtbezirksamt Targówek, der Künstler und Einwohner von Bródno Paweł Althamer sowie das Museum für Moderne Kunst. Beim Spazierengang durch den Park kann man hier ein gutes Dutzend Exponate entdecken – Skulpturen, Installationen und andere künstlerische Ausdrucksformen. Dazu gehören u. a.: Der 16 Meter lange Schriftzug BRÓDNO aus Ziegelstein, der an das berühmte „HOLLYWOOD” erinnert; die Skulptur „Bürger von Bródno“ – Ergebnis verschiedener Einwohner-Workshops, die u. a. in einem Fitnessstudio, im Kulturhaus, im Flüchtlingsheim oder in der Kirche stattfanden; die Skulpturengarten „Paradies“ – aus Bäumen und Sträuchern geformt, basierend auf der Phantasie von Kindern der nahegelegenen Grundschule; der darüber thronende, vergoldete „Schutzengel“ auf einem drei Meter hohen Pfahl sowie die aus Bronze gegossene „Sylwia“ – eine nackte Frau mit Schlangenhaaren, die über dem Teich schwebt, geschaffen von MS-Kranken. Während des Spaziergangs erklingen von einem Vibraphon erzeugte kurze Jingles verschiedener Rundfunksender. Dies ist eines der Kunstwerke, in denen von einer Künstlerin Töne als skulpturale Form eingesetzt werden. Mögen dieses und andere Exponate zu Reflexionen über die zeitgenössische Kunst anregen.
Denkmal des Wunders an der Weichsel
Dieser Ort zeigt, dass große Geschichte auch abseits der Touristenpfade geschrieben wird. Das Denkmal, das an den Sieg der polnischen Armee in der berühmten Schlacht bei Warschau im Jahre 1920 erinnert, befindet sich am gepflasterten Abschnitt der Wysocki-Straße, Hausnummer 49. Es hat die Form eines Stahlkruzifixes auf einem Sockel und wurde am 15. August 1925 von den Einwohnern von Nowe Bródno gestiftet. Aufgrund des Entstehungsdatums und des überraschenden Sieges des polnischen Heers wird es auch als Denkmal zum „fünften Jahrestag des Wunders an der Weichsel“ bezeichnet. Nach dem Krieg von Mitarbeitern der Geheimpolizei zerstört, wurde es 1995 restauriert. In schlichter Form erinnert es an die Schlacht, die Europa vor dem bolschewistischen Totalitarismus bewahrt hat.
Friedhöfe und sakrale Denkmäler in Bródno
Von einer noch ferneren Vergangenheit künden zwei historische Friedhöfe, angelegt zu einer Zeit, da Bródno noch weit jenseits der Warschauer Stadtgrenzen lag.
Der ältere von beiden ist der Jüdische Friedhof in Bródno, auf dem bis zu 300.000 überwiegend arme Juden begraben wurden. Er wurde 1780 auf Initiative von Szmul Zbytkower, dem Hofbankier des polnischen Königs Stanisław August Poniatowski, angelegt. Nach Zerstörungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde der Friedhof in den ersten Jahren der Volksrepublik Polen vollständig verwüstet. In diesem Zustand wurde er auch in Agnieszka Hollands Film „Hitlerjunge Salomon“ verewigt. Mehr über die Geschichte des Friedhofs erfährt man im Ausstellungspavillon gleich am Eingang. In der dortigen Ausstellung erfährt man auch etwas über jüdische Bestattungsbräuche.
Über 100 Jahre später als der Jüdische Friedhof entstand 1884 in unmittelbarer Nachbarschaft der Friedhof Bródno. Er ist einer der größten Friedhöfe Europas. Etwa 1,5 Millionen Menschen sind hier begraben. Ihre letzte Ruhestätte fanden hier anfangs vor allem arme Menschen, die in Krankenhäusern und Armenhäusern verstorben waren, sowie auch Roma und Nichtgläubige. Mit der Zeit kamen wohlhabendere Personen hinzu, wie der Vorkriegspolitiker Roman Dmowski, der Sänger Mieczysław Fogg oder der Kult-Zeichner und Autor der Comicserie „Tytus, Romek i A’Tomek“ (Titus, Romek und A’Tomek) – Papcio Chmiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier auch die sterblichen Überreste von Opfern des kommunistischen Terrors beigesetzt.
Unweit des Eingangstors an der St. Wincenty-Straße an der Hauptfriedhofsallee steht eine kleine Kirche, die als Friedhofskapelle dient. Es ist die St. Vinzenz von Paul-Kirche aus dem Jahre 1888, die vollständig aus Holz errichtet wurde. Für eine Besichtigung des Inneren der Kirche ist Sonntag der beste Tag, da dann hier außer Beerdigungen auch reguläre heilige Messen stattfinden. Sehr eindrucksvoll ist die reiche, lebendige Ausmalung der Kirche. Ihr Inneres erinnert an eine Goralenkirche.
Das Paprocki-Haus
Das denkmalgeschützte Gebäude am Żaba-Kreisverkehr, direkt am Eingang zum Jüdischen Friedhof, hebt sich deutlich von der modernen Bebauung des Stadtteils ab. Es wurde um 1911 von dem Unternehmer Baltazar Paprocki erbaut und ist heute in Warschau das größte Mietshaus in Holzbauweise. Das vom Zahn der Zeit gezeichnete Gebäude hat etwas von seinem Vorkriegscharme bewahrt, als dort zu den Mietern neben den Eisenbahnern vor Ort auch Handwerker, Kulturschaffende und Politiker gehörten. In den ersten Augusttagen des Jahres 1944 befand sich in dem Gebäude ein Feldlazarett für die Teilnehmer des Warschauer Aufstands. Um ein wenig von der Atmosphäre der Vorkriegszeit zu spüren, empfiehlt sich ein Blick auf das Haus von der Hofseite aus. Dort befinden sich zwei mit Efeu überwachsene Eingangspodeste mit Verzierungen in dem an der Weichsel verbreiteten Świdermajer-Stil. Die Wohnungen mit den originalen gusseisernen Nummern über den Türen werden noch immer von Mietern bewohnt. Eine davon war sogar Drehort in der Fernsehserie „Alternatywy 4“, als Wohnung von Professor Dąb-Rozwadowski, bevor dieser in den Stadtteil Ursynów umzog.
Die Auferstehungskirche
In dem Fabryczny genannten Teil Targóweks befindet sich an der Ziemowit-Straße eine ganz besondere Kirche aus dem Jahr 1919. Sie entstand auf Initiative von Eisenbahnern als Ausdruck des Dankes an Gott für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Entworfen wurde sie von dem berühmten Architekten Stefan Szyller, auch bekannt als Projektant des Gebäudes der Technischen Universität Warschau und der Galerie Zachęta. Interessanterweise stammten die Baumaterialien aus dem abgerissenen Petersburger Bahnhof, und die Kirche wurde vom späteren Papst Pius XI. geweiht. Jedes Jahr am 25. August wird hier eine Messe für die Opfer einer Razzia der deutschen Besatzer gefeiert, bei der 1944 Tausende von Einwohnern verhaftet wurden. Beim Betrachten des hohen Satteldachs der Kirche mit dem aufgesetzten schlanken Türmchen kommt man nicht umhin, an die Goralenarchitektur zu denken. Im Inneren des an die Kirche angrenzenden Glockenturms fällt ein Glockenstuhl ins Auge, der aus den Gleisen der abgebrochenen Petersburger Eisenbahn gefertigt wurde. Wie viele historische Spuren doch so ein bescheidenes Gotteshaus birgt!
Street Art
Der Stadtbezirk Targówek wird zu Recht mit Plattenbauten assoziiert, deren Wände mit farbenfroher Street Art gestaltet sind. In der Radzymińska-Straße 140 etwa sieht man „Collapse Part II“: eine antike Säule in moderner Form des amerikanischen Künstlerduos Cyrcle. Außerdem „Freie Frau“ des bekannten Grafikers Andrzej Pągowski – ein Symbol der Solidarität mit der Ukraine. Unweit davon, unter der Hausnummer 150, befindet sich das Mural „Menschenschicksal“ mit einem Wolf und einem Schaf. Geschaffen wurde es zum 20. Jahrestag der Städtepartnerschaft Warschau – Düsseldorf.
An anderer Stelle im Stadtbezirk ist das Mural „Der kleine Prinz“ (nach dem gleichnamigen Buch von Antoine de Saint Exupery) zu sehen, außerdem „Bildungssystem“ von Sepe sowie ein in schwarz-weiß gehaltenes Kunstwerk von Loesje International – mit der Aufschrift „Nie rozmawiaj z nieznajomymi, bo jeszcze kogoś poznasz“ (Sprich nicht mit Unbekannten, sonst lernst du noch jemanden kennen). Auf keinen Fall verpassen sollte man das Wandbild von Józef Balcerek aus „Alternatywy 4“ in der Naczelnikowska-Straße 50. Es erinnert daran, dass der zwielichtige Held der Serie eben von hier stammte. In der Rzeczna-Straße präsentiert sich – aufgemalt auf eine oberirdische Rohrleitung – „100 m Toleranz“. Das Bild zeigt Kinder aus verschiedenen Teilen der Welt, die sich an den Händen halten. Die Street-Art-Galerie belebt den Raum und regt zum Nachdenken an. Eine Entdeckungsreise für alle, die erleben wollen, wie sich Targóweks Plattenbauten in Leinwände voller Geschichten verwandeln!
Der Bardowski-Stausee
Am östlichen Rand von Targówek gibt es einen Ort zu entdecken, an dem Warschau einen Gang zurückschaltet. Umgeben von Wäldern und Wiesen, verwandelt sich der Stausee im Sommer in eine wahre Oase der Entspannung und Erholung. Ob beim Sonnenbad, beim Wakeboarden oder einfach nur bei einem kühlen Drink in einer der Bars – Erholung ist garantiert.
Die Kinder werden vom Spielplatz begeistert sein, und jeder und jede kann sich im Outdoor-Fitnessstudio betätigen. Im nahegelegenen Wald steht für Spaziergänge oder Radtouren ein Holzbohlenweg zur Verfügung.
Unbedingt dazu gehört auch das Besteigen des Aussichtsturms, um zu sehen, wie grün und ruhig Targówek sein kann. Kommen Sie und überzeugen Sie sich selbst – dies ist einer der Orte, an die man gerne zurückkehrt!